|| die soziologie einer betrunkenen männergruppe

thunfisch

Eigentlich wollte ich einen Blogpost über die Diskussionsrunde “Missy Magazine Meets Marry Klein – Wohlfühlen im Nachtleben” im Harry Klein schreiben, an der ich kürzlich teilgenommen habe (ein Kurzbericht ist hier). Dann kam mir eine betrunkene Männergruppe im Zug dazwischen.

Es ist Sonntagnachmittag und ich fahre mit einer Regionalbahn von Stuttgart Richtung Süden, hinter mir diskutiert ein Vater ausdauernd mit seinen Kindern, wer als erstes Pipi darf und wie viele Süßigkeiten genug Süßigkeiten sind, auf der anderen Gangseite sitzt ein älteres Ehepaar und zeigt sich Dinge, die draußen passieren. Soweit, so ruhig. Dann steigt eine Gruppe von sechs Männern zu und setzt sich zwei Sitzreihen vor mich, alle weiß, um die dreißig, alle in Lederhosen und Karohemd und weiteren Frühlingsfest-Accessoires, alle ziemliche Normalos und alle ziemlich betrunken. Die Spuren des Frühlingsfestes stehen ihnen ins Gesicht geschrieben, sie sind ziemlich laut und ziemlich raumgreifend. Am Dialekt wird erkennbar, dass sie nicht aus der Gegend sind. Der Zug fährt weiter und das erste Bier wird aufgemacht //Tschhh//. Sie überbieten sich mit Trinksprüchen, Analysen über ihren eigenen Trunkenheitsgrad, es wird laut gefurzt, gerülpst, einer grölt “Ficke will ich!” und zwei andere steigen darauf ein. Das nächste Bier wird aufgemacht //Tschhhh//. Die beiden Wortführer verlangen nach dem nächsten Puff und fachsimpeln über das Fickpotenzial von Frauen aus dem Bekanntenkreis, ein Dritter lacht immer wieder dreckig, die drei anderen werfen halbgare Kommentare dazwischen. Das ältere Ehepaar rutscht unruhig auf den Sitzen hin und her, der Vater liest den Kindern etwas lauter und hektischer vor, ich denke darüber nach, dass sich in der besoffenen Männergruppe klassische soziologische Themen spiegeln. Sie sind eine in sich geschlossene Gruppe in starker Abgrenzung zu den sie umgebenden Konstellationen, in räumlicher und sozialer Distanz zu ihrem regulären und regelnden Kontext, hatten sich zuvor in einer enthemmenden Umgebung aufgehalten, sind stark alkoholisiert – die Standardgrundlage, die die Lockerung sozialer Kontrolle von außen, Anpassungsdruck nach innen und deviantes Verhalten begünstigt. Das nächste Bier wird aufgemacht //Tschhh//. Sie grölen weiter und beglückwünschen sich gegenseitig zu ihren Rülpsern und Fürzen. Einer bringt die Idee auf, Musik anzumachen, die anderen jubeln Beifall, “Ficke will ich!” – “He he he”. Ich denke an die Türsteher, die in ihrer Arbeit das Konzept haben: “Der braucht zu viel Platz”. Sie äußern damit eine relationale Vorstellung darüber, wie viel Raum dem Einzelnen in der Masse zusteht, wo die Grenzen des einen aufhören und die des anderen anfangen. Sie beschreiben damit Konfliktpotenzial durch Grenzüberschreitungen, in denen jemand noch nicht gewalttätig oder übergriffig geworden ist, aber so raumgreifend auftritt, dass für die anderen eine Atmosphäre des Unwohlseins entsteht. Das geht meist einher mit einer spezifischen Form von Männlichkeit, die quer zu stereotypen Männlichkeitsbildern liegt, denn der schlaksige Yuppi und der fitnessstudiogestählte Proll können beide gleichermaßen zu viel Platz brauchen. “Der braucht zu viel Platz” ist Verhalten, nicht Aussehen. Mittlerweile hat der eine die Musik und der anderen die Bluetooth-Boxen gefunden, deutschsprachiger Hip Hop dröhnt aus den Boxen, sie fangen an, Textfetzen zu grölen, “Ficke will ich!” – “He he he”. Ich denke an eine Studie, die ich kürzlich gelesen habe, dass die besoffene Männergruppe auch für einen Großteil ihrer Mitglieder mehr als anstrengend ist (hier nachlesbar), und an die Diskussionsrunde im Harry Klein. Dort waren wir uns einig, dass ein kleiner Teil von Männern das eigentliche Problem sind, aber alle anderen diesen zu wenig entgegensetzen und ihnen damit zu viel Raum lassen. “Ficke will ich!” – “He he he”.

Ich stehe auf und gehe hin.

“Ey Jungs, sin mol e wäng liser, es hät Kind und alte Lütt und ihr führet eu eifach grusig uff.” (Billigste Ableitung aus soziologischen Theorien – ihnen in ihrem Dialekt klar zu machen, dass sie sehr wohl verstanden werden.)

Ich starre die beiden Wortführer an, dann lasse ich meinen Blick in der Runde schweifen, einer schlägt die Augen nieder, ein anderer murmelt, “ja machet mol die Musik liser”, die daraufhin von einem Dritten leiser gedreht wird. Der Wortführer starrt mich an “Warum sollte mir?”, ich starre zurück, dann nicke ich in die Runde und setze mich zurück. Das ältere Ehepaar lächelt mir erleichtert zu, der Vater liest stoisch weiter vor, die sechs schweigen kurz. Dann setzt eine halblaute Diskussion – gerade laut genug, dass ich sie mit Sicherheit verstehen kann – ein, über Löcher, die man mir stopfen sollte und Thunfischgeschmack. Mir pocht der Blutrausch in den Ohren und ich atme tief durch, denke an Goffman und die Türsteher. Goffman und seine Arbeiten über Imagepflege, in der jeder versucht, vor anderen ein eigenes Image zu erstellen, aufrechtzuerhalten und im Zweifelsfall zu rehabilitieren. Die Türsteher und ihre Analysen von manchen Konfliktverläufen: “…und dann hab ich den Fehler gemacht und bin auf dem gleichen Niveau in die Auseinandersetzung eingestiegen, auf dem der andere schon war, und dann… ist das unnötig eskaliert.” Mir ist das mittelfristige Ziel – sie halten die Schnauze – wichtiger als Thunfisch. Ich überlasse die sechs ihrer Imagepflege und warte ab, schließlich haben Rehabilitierungsphasen einen typischen Verlauf.

Wenig später ist die Musik wieder ein wenig lauter geworden, die Stimmen werden aber immer weniger und die Lücken zwischen den Sätzen größer bis schließlich ganz geschwiegen wird. Meine Haltestelle naht, ich stehe auf, packe meine Sachen, erwarte einen dummen Spruch und habe die Antwort schon auf der Zunge. Aber dazu kommt es nicht, denn mir bietet sich ein Bild der Zerstörung. Einer liegt quer über dem Gang unter den Sitzen auf dem Boden, alle viere von sich gestreckt, die beiden Wortführer sind in ihre Sitze geschmolzen, die Köpfe nach hinten, die Münder weit offen und schnarchen vor sich hin, ein weiterer ist vorn über gesunken und pendelt im Takt des Zuges, eineinhalb sind noch wach und schauen mich mit knallroten Augen trüb an.

Soziologie 1, besoffene Männergruppe 0.

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