|| der unterschied zwischen türstehern und eltern aufm kindergeburtstag

Sonntagnachmittag, ich bin umgeben von etwas unkoordinierten, lauten, aufgedrehten Menschen mit dem unbedingten Willen zur Bespaßung. Könnte auch ein ganz normaler Clubbesuch in Berlin sein, aber ich bin auf einem Kindergeburtstag.

Ganz am Anfang meiner Doktorarbeit wurde ich nach einem Vortrag gefragt “Was ist der Unterschied zwischen Türstehern und Eltern auf einem Kindergeburtstag?” Die Frage hat mich jahrelang umgetrieben, schließlich werden immer wieder Parallelen zwischen Kindern und Betrunkenen gezogen. Kinder und Betrunkene sagen die Wahrheit und haben scheinbar auch sonst einiges gemeinsam:

Die Beweislast ist quasi erdrückend. Also auf ins Feld, nachschauen. Türsteher teilnehmend beobachten zu dürfen war gar nicht so schwer, aber ich habe drei Jahre gebraucht, bis ich endlich Feldzugang zu einem Kindergeburtstag hatte.

Es lassen sich tatsächlich einige Parallelen feststellen. Die prinzipiell euphorische Grundstimmung, die aber jederzeit wegen für Außenstehende nicht nachvollziehbarer Nichtigkeiten kippen kann. Beim Kindergeburtstag sind deutlich mehr Kinder als Eltern anwesend, es gibt also ein personelles Ungleichgewicht wie im Club. Und wie im Club sind die Interessen der Anwesenden in ihrer Logik entgegengesetzt. Während die einen sich im wilden Durcheinander einem kollektiven Amüsement hingeben, schauen die anderen mit wachsamen Auge, dass niemandem ernsthaft was passiert. Es lassen sich sogar ähnliche Charaktere bei den Gästen identifizieren: die Ruhigen, die sich lieber am Rand des Geschehens aufhalten. Die Extrovertierten, die sich mitten im Trubel am Wohlsten fühlen. Die Nervenden, die immer eine Sonderbehandlung brauchen, aber harmlos sind. Die Unruhestifter. Und wenn’s blöd läuft, kotzt einer. Eltern sind wie Türsteher damit beschäftigt, Streit bestenfalls vorzubeugen oder aber zu schlichten. Dazu werden Regeln gesetzt, in einem mehrstufigen Prozess ausgehandelt und (teilweise) durchgesetzt. Die auf beiden Seiten in dem Zusammenhang eingesetzten Taktiken lassen sich auch im Club wiederfinden. Je nach Situation versuchen die Eltern Verständnis zu erzeugen, mit abwesenden Dritten zu drohen, oder aber mit Sanktionen zu arbeiten, wobei die ultimative Sanktion der Spaßentzug und Wiederausschluss von der Party ist. Ähnlich wie Eltern arbeiten Türsteher auf einen quasi pädagogischen Effekt hin, dass etwas nicht wieder vor kommt, oder die Umstehenden auch gleich noch was mit gelernt haben. Die Kinder wiederum (re)agieren mit Diskussionen, Provokationen, Ignorieren der elterlichen Ansagen, Adaption.

Im Unterschied zum Club ist der Betreuungsschlüssel bei einem Kindergeburtstag besser. Während in meiner Fallstudie auf 17 Kinder zwei Erwachsene kommen, sind es im Club pro Türsteher mindestens 100 Gäste, meistens mehr. Eltern auf dem Kindergeburtstag geben Impulse was als nächstes passieren wird sobald ein Spiel langweilig geworden ist, Topfschlagen, Piñata, Kuchen essen, Verstecken spielen, Geschenke auspacken… Türsteher hingegen erklären niemandem, wie sie sich amüsieren sollen, das müssen die Gäste schon selbst hinkriegen. Türsteher gehen beispielsweise nicht zu den Ruhigen und sagen “Komm, du bist jetzt die ganze Zeit still am Rand der Tanzfläche gesessen, trau dich doch auch mal ein bisschen zu tanzen.” Hier ist die Party mehr Selbstverantwortung und Selbstläufer. Türsteher schalten sich erst ein, wenn sichtbar gegen Regeln verstoßen und/oder das Vergnügen als Ganzes durch Einzelne gestört wird.

Die Erkenntnis des Kindergeburtstags ist: Türsteher bespaßen nicht. Wollen sie auch nicht und noch weniger wollen sie bespaßt werden. Das klingt banal, aber es ist überraschend, zu wieviel Ärger es im Cluballtag deswegen kommt.

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