|| sexuelle belästigung und gewalt sind immer die anderen

Das Thema ist zeitlos und gleichzeitig durch die Vorkommnisse in Köln (und möglicherweise anderen Städten) und die Berichterstattung darüber und Diskussion über beides gerade wieder besonders aktuell: sexuelle Belästigung. Bedauernswert ist, dass man sich bei öffentlich gewordenen Fällen von sexueller Belästigung und sexueller Gewalt bevorzugt für die Kleidung und das Verhalten der Frau oder die scheinbare ethnische ‘Zugehörigkeit’ des Täters interessiert – letzteres so auch in dem Fall. [Kleine Randnotiz: Aussehen macht noch keine tatsächlich ethnische Zugehörigkeit, Zugehörigkeit ist nämlich weitaus komplexer. Und Menschen bestehen aus mehr als einer Zugehörigkeit und welche von all den Dingern dann auch noch in Situationen handlungsanleitend sind…puh!] Da passiert dann das, wovor Migrationsforscher/innen und andere schon seit geraumer Zeit warnen und dagegenanschreiben und -forschen. Ethnizität als Ausgangspunkt für Unterscheidungen und Zuschreibungen zu machen, heißt, sich den Blick auf tieferliegendere Zusammenhänge zu verstellen.

Kurz: Das Problem heißt Sexismus. Nicht Kulturkreis.

Lang: Ethniztät, Herkunft, der ganze Krempel darf in der Diskussion nicht den Blick darauf verstellen, dass die Ursachen für sexuelle Belästigung und Gewalt in sexistischen Weltsichten und Handlungen liegen, durch die Menschen sich dazu berechtigt fühlen, andere abzuwerten oder/und deren psychische und körperliche Grenzen zu überschreiten. Ja, auch Frauen können sexistisch sein. Ja, auch Frauen können Männer sexuell belästigen, nötigen, vergewaltigen. Ja, auch alte Menschen können das. Und sehr junge. Und Menschen, die nicht in Deutschland geboren sind. Und wer belästigt oder vergewaltigt ist schuld daran, nicht die Person, die belästigt oder vergewaltigt wird. Geschenkt. Sexismus ist zeit- und ortlos und ihn immer bei den anderen zu suchen heißt, den eigenen zu vergessen (zu wollen). Sexismus kann jede/r. Ich auch. 17 Hochschulsemester Soziologie und immer noch sexistisch. Kacke. Es bleibt ein lebenslanger Lernprozess. Zurück zu den nordafrikanischen und arabischen Männern in Köln: Jetzt wollen also Kack-Nazis, also weiße Männer, Jagd auf nordafrikanisch oder arabisch aussehende Männer machen, um denen zu zeigen, dass “weiße Frauen kein Freiwild sind”? Männer wollen Männern aufs Maul hauen, weil die einen die Frauen der anderen angetatscht haben? Oldschool. Nicht lustig. Und die Zaungäste schrei(b)en “Bravo”, sind aber keine Rassist/innen? Also liebe Nazis und Befürworter/innen von “neuen Maßnahmen”, besten Dank, aber sowas braucht niemand, auch nicht als weiße Frau mit deutschem Pass. Sexistische Kackscheiße ist sexistische Kackscheiße, egal wie sehr man sich im Recht fühlt, und eure ist auch noch rassistisch.

Und was ist mit den Betroffenen? Hier sei ein Blick auf die Zahlen geworfen, die es in dem Fall in Bezug auf das Phänomen sexuelle Gewalt und sexuelle Belästigung tatsächlich gibt (die sich wegen des Schwerpunkts der Studie allerdings ausschließlich auf Frauen beziehen). Es ist schrecklich für jede einzelne Person, die hinter den Zahlen steckt und sexuelle Übergriffe erleben musste und jede einzelne Anzeige ist wichtig. Respekt an jede, die sich getraut hat, den Vorfall zur Anzeige zu bringen. Das machen im Falle von Vergewaltigung in Deutschland nämlich laut einer umfangreichen Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gerade mal 5% (S. 180). Nochmal in Worten: FÜNF Prozent. Von diesen 5% wiederum kommt es wiederum nur in 8% der Fälle zu einer Verurteilung. Eine Vergewaltigung in Deutschland vor Gericht als Vergewaltigung durchzubekommen ist dank Rechtsprechung nämlich gar nicht so einfach. Mit anderen Worten: Wer in Deutschland eine Frau vergewaltigt, wird mit extrem großer Wahrscheinlichkeit straffrei bleiben. Dafür heißt das für die betroffenen Frauen, sich Verfahren aussetzen zu müssen, die sich über Jahre ziehen und in deren Zuge immer wieder Wunden aufgerissen werden, mit denen die Frauen letztlich sich selbst überlassen bleiben (Verurteilung hin oder her). “Lebenslänglich” heißt es für die Opfer, nicht für die Täter/innen.

13% der Frauen in Deutschland erleben nach dem 16. Lebensjahr im Verlauf ihres Lebens mindestens einmal sexuelle Gewalt. Das ist fast jede 7. (S. 66f.). Mit Abstand am häufigsten durch Männer, die sie kennen, vor allem im sozialen Nahstbereich (ehemalige) Partnerschaft und Familie/Freunde. Mit anderen Worten: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Frau den Mann kennt, der sie vergewaltigt, ist extrem hoch (S. 78). Den Unbekannten, der nachts im Park im Busch hockt oder am Hauptbahnhof lauert, den gibt es. Ja. Aber die anderen gibt es eben auch. Mit zunehmender Bekanntschaft nimmt darüber hinaus auch die Häufigkeit einer Wiederholung zu, d.h. je näher man der Person verbunden ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass man mehr als einmal sexuelle Gewalt durch sie erlebt (S. 75), in der eigenen Wohnung (S. 82). Bei sexueller Belästigung sieht es etwas anders aus. Diese findet überwiegend im öffentlichen Raum und durch Unbekannte statt (S. 96). Zynisch gesagt: Belästigt wird draußen, vergewaltigt wird zu Hause.

Nochmal zurück nach Köln. Ziel des Blogeintrags ist es nicht, zu relativieren, was passiert ist. Sondern dazu beizutragen, sich auf Grundlegenderes als ethnische Zugehörigkeit/geografische Herkunft zu konzentrieren. Wer also laut schreit, dass sich “die da” doch “unseren” Werten anpassen sollen, der sollte sich überlegen, was er/sie da fordert. Wer das ernst meint, dem sei versichert: Haben “die” schon, denn sexuelle Belästigung und Gewalt ist auch “hier” in Köpfen strukturell verankert und wird institutionell wenig verfolgt. Oder sind die deutschen Täter/innen für den Zeitraum der Tat dann Araber ehrenhalber? Araber im Geiste? Punktuelle Araber?

Sexuelle Belästigung und Gewalt sind immer die anderen. Aber warum ist es so verlockend, die Angst vor den anderen, vor den Unbekannten zu schüren? Der Namenlose nachts im Park. Der arabische… äh muslimische… äh was denn nun?… also der in jedem Fall untervögelte Undeutsche. Naja. Wer denkt schon gerne darüber nach, dass gerade vertraute, nahestehende Personen Verursacher/innen von Unbehagen, Belästigung und vor allem Gewalt sein können? Und genau dadurch stärken und schützen wir die Täter/innen, nicht die Betroffenen.

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