|| von wächtern der nacht und “straßensamurai”

Olli, Türsteher in mehreren Berliner Clubs, nimmt in Samer Halabi Cabezóns Film “Straßensamurai” die ZuschauerInnen mit auf eine Fahrt durch die Nacht. Eine ganz normale Runde, um den Freunden und Kollegen an den Clubtüren ‘Hallo’ zu sagen, bevor die eigene Schicht beginnt. Im Verlauf dieser Fahrt wird man neben Olli auch Boris, Cengiz, Philip und Lotte kennenlernen, die von den schönen und den Schattenseiten der Nacht und ihrem Leben bei Tag erzählen.

In den ersten Minuten wird nebenbei gezeigt und erzählt, was die Arbeit an der Tür beinhaltet: Kontrolle von Zugang, Taschen und Personen, Menschenkenntnis. Arbeit nachts und mitten im Getümmel. Die Notwendigkeit, gut reden zu können, aber im Zweifelsfall bereit und in der Lage zu sein, sich auch körperlich durchzusetzen. Die Kollision von Erfahrungen auf der einen und Wertvorstellungen auf der anderen Seite: “Bei uns wird darauf geachtet, dass es keine Vorurteile an der Tür gibt. (Pause) Was sehr schwierig ist.” Im weiteren Verlauf geht es dann weniger um die Tätigkeit als solche, sondern um die Personen, die diese Tätigkeit ausüben. Mit den einzelnen Clubstationen gehen auch die Erzählstationen der TürsteherInnen einher. Man erfährt von ihrer Liebe zum Kampfsport, wie sie zur Arbeit an der Tür kamen und warum sie bei ihr geblieben sind, was sie an der Tätigkeit schätzen, welche unangenehmen Situationen sie schonmal erlebt haben, welche Themen sie sonst noch umtreiben und was sie sich für ihre Zukunft wünschen. Und dann kommt Olli bei seiner letzten Station an und der Film damit zum Ende, schließlich fängt die nächste Schicht an, in der er, Lotte, Boris, Philip und Cengiz arbeiten, damit andere in Ruhe feiern gehen und ihre Freizeit genießen können.

Gewalt ist dabei ein Thema, das immer wieder mitschwingt und ambivalent bleibt. Sie wird von Türstehern als Drohung eingesetzt und ist gleichzeitig auch für sie eine permanente Bedrohung. Olli gibt zu bedenken, dass man selbstverständlich nicht immer der Stärkste sein kann (allerdings den Eindruck vermitteln muss, dass man es ist) und auch die anderen erzählen von Verletzungen, die sie sich bei der Arbeit zugezogen haben (sich aber letztlich durchsetzen konnten). Gewalt, das zeigt der Film und das zeigen auch meine Daten, ist wenn, dann vor allem (Be)Drohung und Gewaltpotenzial mit dem man bewusst spielt, steht aber als tatsächliches Ereignis am Ende von einsetzbaren und eingesetzten Möglichkeiten – und das auch gar nicht mal so häufig. Entsprechend ist es schön, dass sich der Film in weiten Teilen mit anderem beschäftigt.

“Straßensamurai” begleitet in ruhiger Bildsprache und einem fein ausgewählten Soundtrack Türsteher an verschiedene Orte ihres Lebens – private Wohnungen, Clubs, Kampfsportschulen – und  zeichnet sie als Menschen, die mal selbstbewusst, mal zweifelnd, mal schüchtern vor die Kamera treten, um von ihrer Arbeit zu erzählen. Im Verlauf des Films setzt sich ein Bild von Menschen zusammen, die sich mit allen Irrungen und Wirrungen ihren eigenen Weg durchs Leben suchen und sich dabei abseits von 9-to-5-Pfaden bewegen. Menschen, die mit und nicht gegen andere Menschen arbeiten und für die gegenseitiges Vertrauen eine wichtige Rolle spielt, weil sie im Nachtleben auf sich allein gestellt sind, da die Polizei auch gern mal auf sich warten lässt. Vor allem aber auch Menschen, die bewusst ihrer Angst in die Augen sehen, auch und gerade bei der Arbeit.

Die Arbeit von Türstehern sieht man im Film im Übrigen kaum, was aber irgendwie dann doch auch ‘das echte Leben’ spiegelt, schließlich bleibt die Arbeit von Türstehern meist so lange im Verborgenen bis jemand sich an ihr stört. Dass Türsteher Zugang, Taschen und Menschen kontrollieren und ab und an mit körperlichen Auseinandersetzungen zu tun haben, das wusste man vorher auch schon, aber warum und wie Türsteher das machen, verbleibt im Film wenn, dann in Andeutungen. An dem zustimmenden Brummeln und Schnauben im Kinosaal merkte man dann auch schnell, wer an der Tür arbeitet/gearbeitet hat und die Andeutungen lesen konnte. Darin spiegelt sich auch die Stärke des Films: Samer Halabi Cabezón schafft es, nah an die Türsteher als Personen ranzukommen und ihnen Gesichter zu verleihen und Geschichten zu entlocken. Dabei lässt er den fünf TürsteherInnen viel Raum und greift nur ab und an kaum merklich ein. Es ist Lotte, die er sich auch positiv über Gewalt äußern lässt; in einer anderen Szene spricht Boris in der Tonspur von Gewalt während man gleichzeitig sieht, wie er einem Rollifahrer in den Club hilft; Olli redet viel von Kampfsport und einem gesünderen Lebensstil, ist aber im Film fast nie ohne Kippe zu sehen. Ich vermute, es war viel gutes Zureden und viel Vertrauen in Cabezóns Person notwendig, um Türsteher vor die Kamera zu bekommen. Es wundert mich wenig, dass man von der Tätigkeit selbst wenig sieht, denn aus Erfahrung kann ich sagen, dass Türsteher nicht sonderlich scharf darauf sind, ihre Arbeit von Dritten digital festhalten zu lassen, seien es Videos, Fotos oder Audioaufnahmen. Dass manche Clubs in der Tour als nächste Station auf der Fahrt durch die Nacht angekündigt werden, aber dann gar nicht auftauchen, kann vor diesem Hintergrund auch als beredetes Schweigen gelesen werden.

+++ Ich habe den Film mittlerweile mehrmals gesehen und bin jedes Mal mit einem Lächeln aus dem Kino gegangen. Zum einen, weil der Film durch seine Bildsprache und seinen Soundtrack mir Lust auf Nachtleben macht. Zum anderen, weil er gerade durch seine Erzählweise und die Themen, die sich eben abseits von den Klassikern (Schlägerei! Diskriminierung!) bewegen, mich an die vielen unaufgeregten Momente meiner Feldforschung erinnert. Manche sagen, Feldforschung sei eine ziemlich einsame Angelegenheit, und das stimmt nur so halb, denn man verbringt sehr viel Zeit mit Menschen. Feldforschung heißt aber auch, (in meinem Fall) frühmorgens mit einem mit Details vollgepumpten Kopf nach Hause zu gehen – wohl wissend, dass man all das aus Datenschutzgründen mit niemandem teilen kann. Erzählen kann ich sie in Reinform immer noch nicht, dafür aber nun immerhin Leute in “Straßensamurai” schicken, um mal einen etwas anderen Blick auf Türsteher zu bekommen.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s