|| durch die nacht mit türstehern

Ich gehe im Dienste der Wissenschaft feiern. Ich komme in jeden Club ohne wie all die anderen in der Schlange stehen zu müssen, weil ich jeden Türsteher der Stadt kenne. Fast. Ich habe zwar umfangreich teilnehmende Beobachtungen im Nachtleben gemacht, aber dafür die Seiten gewechselt und viele Nächte aus der Sicht von Türstehern miterlebt. Klingt für manche abenteuerlich, erlebnisreich und bestenfalls sogar cool. Das hat hat mit dem tatsächlichen Arbeitsalltag von Türstehern und Forscherinnen aber meistens nicht viel zu tun. Gut, kalt war es wirklich ziemlich oft.

 

18 Uhr |

Es ist Samstagabend und meine Freunde fangen vermutlich an, hin und her zu schreiben, zu telefonieren, Pläne für den Abend zu schmieden. Bei mir melden sie sich allerdings nicht mehr, weil sie davon ausgehen, dass ich heute Nacht eh wieder beobachten gehen werde. Was auch stimmt.

21 Uhr |

Ich fang an drüber nachzudenken, dass ich in einer guten Stunde anfangen sollte, mich auf die Nacht vorzubereiten und schau ab jetzt regelmäßig auf die Uhr. Es ist unmöglich, sich noch in irgendwas zu vertiefen, weil das Gefühl da ist, bald los zu müssen. Ich trink noch ne Kanne Grüntee, hilft zumindest am Anfang gegen die Müdigkeit, die eh viel zu früh kommen wird später.

22 Uhr |

Zeit sich umzuziehen: Cargo-Hose, T-Shirt, Hoodie, Jacke, feste Schuhe, alles in schwarz oder dunkelgrau. Im Winter (also ab September) kommen noch ein paar Lagen dazu, hilft zumindest am Anfang gegen die Kälte, die eh viel zu früh kommen wird später. Gegen 22.30 Uhr mach ich mich auf den Weg zum Falafel-Mann meines Vertrauens, der mich mittlerweile schon kennt: “Wie immer?” – “Wie immer.” Ich esse mehr als normalerweise, damit der Hunger nicht zu früh kommt. Wird ne lange Nacht.

Ich geh Richtung Club und bin schon mitten in einem Gewusel aus Nachtschwärmern, ein Drängeln und Schieben, Einheimische, Umland, Touris, Gröhlen, Lachen, die Bars sind voll und manche Nachtschwärmer auch. Kurz sehn ich mich intensiv nach einer einsamen Berghütte irgendwo im Nichts, Stille, Sterne, keine Menschenseele, das wär was.

23.05 Uhr |

Ich komm am Club an, wo die Türsteher grade Absperrgitter aufstellen, Barhocker und Energy Drinks rausbringen, der Club hat gerade eben aufgemacht, die Kasse ist noch nicht besetzt. Felix ruft mir schon von Weitem grinsend zu: “Du bist zu spät, es ist schon 5 nach!” Ich begrüße alle mit kurzer Umarmung: “Und, wie?” – “Alles klar. Und selbst?” – “Alles gut.” Im Moment sind sie noch zu viert, Jojo, Branko, Kalil, Felix, um Mitternacht werden noch Viktor und Oskar dazukommen.

0 Uhr |

Das Team für heute Abend ist vollständig. Ist noch kaum was los, rumstehen, Unterhaltungen über den letzten Abend, gemeinsame Bekannte, Sport, Job, Tagesgeschehen. Mal beteilige ich mich an den Gesprächen, mal höre ich einfach nur zu, einbezogen werde ich eigentlich immer. Vereinzelte Gäste treffen ein.

1 Uhr |

Unverändert, wenn man davon absieht, dass mehr Gäste eintreffen. Zeit für kurze und längere Unterhaltungen bleibt trotzdem. Ab halb 2 bildet sich langsam eine Schlange aus Wartenden. Eingang und Ausgang liegen nebeneinander und sind durch Absperrgitter voneinander getrennt. Trotz Schild und Pfeilen auf den Boden versuchen immer wieder werdende Gäste, sich im Ausgang anzustellen. “Wir haben schon so viel versucht, aber die Leute checken es einfach nicht.” sagt Oskar resigniert zu mir.

2 Uhr |

Mittlerweile ist die Schlange vor dem Eingang ordentlich gewachsen. Kalil und Felix stehen vorn und entscheiden, wer reinkommt und wer nicht, ab und zu werden stichprobenartig Ausweise kontrolliert, manche Wartende in ein kurzes Gespräch verwickelt. “Damit kriegt man einen ersten Eindruck von den Leuten”, hat mir Viktor am Anfang erklärt, “wenn die pampig oder überhektisch reagieren, dann schaust du lieber zweimal hin und schickst die Leute vielleicht besser weg.” Außerdem gilt: nicht zu viele Männergruppen, nicht zu betrunken oder drauf. Eine Gruppe von vier Franzosen wird mit der Begründung abgewiesen, dass schon zu viele Typen im Club sind. Die Franzosen finden das nicht besonders nett und versuchen die beiden Türsteher in eine Diskussion zu verwickeln, aber erfolglos. Die anderen Türsteher beobachten aufmerksam, bleiben aber im Hintergrund. Schließlich gehen die vier Männer, aber nicht ohne Kalil und Felix im Vorbeigehen als “racists” zu beschimpfen. Kalil zuckt mit den Schultern, Felix kann sich ein Grinsen nur mit Mühe verkneifen.

Jojo und Oskar kontrollieren die Gäste, die reingelassen wurden und bereits gezahlt haben. Taschen werden bei allen kontrolliert, Männer werden stichprobenartig abgetastet. Messer, Pfefferspray, Edding müssen bei den Türstehern abgegeben werden, Fremdgetränke ausgetrunken oder draußen gelassen werden. Das will nicht jeder so ganz einsehen.

Oskar: “Der Jägi muss draußen bleiben.”

Gast: “Echt jetzt?”

Oskar: “Ja, echt jetzt.”

Gast: “Jetzt hab dich nicht so, ist doch nur ein ganz kleiner.”

Oskar sieht man an, dass er solche Dialoge schon zu oft hatte, um sich noch ernsthaft drüber ärgern zu können: “Das hier ist eine Diskothek, wir verdienen mit Alkoholausschank unser Geld. Selbstverständlich bleibt der Jägi draußen.”

Der Gast dreht sich wortlos um, leert die kleine Flasche in einem Zug und wirft sie mit lautem Knall neben die Leergutkiste am Eingang. “Zufrieden?” Er klingt als hätte er Oskar gerade einen nervigen Gefallen getan.

Oskar: “Ja.”

Auch dass Pfefferspray nichts im Club zu suchen hat, ist nicht für alle selbsterklärend.

Jojo durchsucht die Tasche einer jungen Frau: “Irgendwas dabei, was nicht in den Club gehört?”

Sie: “Nee!”

Jojo zieht ein Pfefferspray aus der Tasche: “Und was ist das hier?”

Sie: “Oh, das… das brauch ich, um mich zu wehren.”

Jojo: “Aber nicht im Club. Wenn was ist, komm zu uns.”

Sie schnippisch: “Als ob ich das da drin jemandem ins Gesicht sprühen würde!”

Jojo sieht sie eine lange Sekunde schweigend an: “Es geht darum, dass das niemand dir ins Gesicht sprüht.”

Branko und Viktor geben den anderen Bescheid, dass sie drinnen eine Runde machen gehen. Ich beschließ, draußen zu bleiben. Teilnehmende Beobachtung heißt, in nem ständigen Overflow an potenziellen Daten zu entscheiden, auf welche man sich grad konzentriert und was man ausblendet, obwohl es auch interessant wäre. Kann aber manchmal auch heißen, dass drin die Post abgeht, während man sich draußen die Beine in den Bauch steht um Routinen zu beobachten.

3 Uhr |

Meine Füße fangen an kalt zu werden, muss also so gegen 3 Uhr morgens sein. Am Eingang ist immer noch einiges los, neu eintreffende Gäste und viele, viele immer wiederkehrende Fragen.

“Wo ist das Klo?” – “Hintere Tanzfläche.”

“Wo kann ich meine Jacke abgegeben?” – “Unten an der Garderobe.”

“Komm ich wieder rein, wenn ich jetzt rausgehe?” – “Mit Stempel ja.”

“Darf ich kurz reingehen und schauen wie’s ist?” – “Nein.” – “Nur kurz!” – “Nein.”

“Wo ist der nächste Bankautomat?” – “Straße runter, links.”

“Ist schon viel los?” – “Ja.”

“Was für Musik läuft heute?” – “Techno.”

“Läuft hier auch Hip Hop?” – “Nee.” – “Wo läuft Hip Hop?”

“Lohnt sich’s reinzugehen?” – “…”

Zwischendrin schmeißen Felix und Viktor zwei Typen raus, die zu offensichtlich auf dem Klo mit weißem Pulver hantiert haben. Die sind irgendwo zwischen kichernd und beschämt, vor allem aber ganz einsichtig und gehen.

Lars, ein anderer Türsteher von hier, der aber heute eigentlich nicht arbeitet, kommt privat vorbei, “nur mal kurz Hallo sagen.” Branko, Lars und ich lehnen im Ausgang und unterhalten uns ne Weile. Ein Typ torkelt in unser Sichtfeld, bleibt stehen und starrt angestrengt in unsere Richtung. Lars fragt Branko, ob er den Typ kennt. “Nee, du?” – “Nee. Muss wohl ein Bekannter von ihr sein.” grinst er in meine Richtung. “Dacht ich mir schon fast.” nickt Branko gespielt ernst. Der Typ mustert mittlerweile eingehend die Wand. Geht ein paar Schritte zurück, rennt gegen die Wand, taumelt zurück, geht zu Boden. “Was’n das für ein Vogel?” fragt Felix hinter uns. Lars und Branko weisen ohne sich umzudrehen mit dem Daumen in meine Richtung: “Gehört zu ihr.” – “Achso.” Der Typ rappelt sich wieder auf, streicht sich die Klamotten glatt, strafft die Schultern und geht.

 4 Uhr |

Ist wieder ein bisschen ruhiger geworden, ab und zu kommen neue Gäste, die ersten gehen nach Hause. Manchmal sagt sogar mal einer “Tschüss.” oder “Schönen Abend noch.”, die meisten sind aber mehr mit sich selbst beschäftigt. Nicht gegen die Wand oder das Absperrgitter torkeln, auf High-Heels nicht umfallen, im Gehen die Jacke anziehen, der Begleitung erklären, dass das nicht so gemeint war, alles nicht so einfach ab nem gewissen Pegel.

Ab und zu werden Runden gemacht, bei manchen gehe ich mit. “Alles ruhig.” als Rückmeldung an die anderen an der Tür heißt jetzt nicht mehr “Noch nichts los drin.”, sondern “Ein schlafender Typ hinten in der Ecke, zwei Raucher im Nichtraucherbereich, ein streitendes Paar, das sich aber wieder versöhnt hat, die besoffene Männergruppe an der vorderen Theke ist im Moment noch gut drauf, sollten wir aber mal im Auge behalten. Also nichts Besonderes.” Irgendwer hat eine Tüte Gummibärchen aufgemacht. Kalil hält mir ein paar hin und zieht die Hand weg als ich lächelnd danach greife. Ist nicht der erste Abend, dass er das macht. Gelernt hab ich nichts draus. Er lacht: “Ich kann einfach nicht glauben, dass du wirklich ne Doktorarbeit schreibst!”

Oskar und Jojo sind rein gegangen um eine Runde zu machen und kommen kurz darauf mit einem Typen aus dem Club zurück. Jojo geht einen halben Schritt vor ihm, hat die Hand auf seiner Schulter und zieht ihn, Oskar ist auf der anderen Seite und schiebt gegen die andere Schulter. Die Minen der beiden Türsteher sind irgendwo zwischen genervt und angepisst. Der Typ protestiert, dass er nichts gemacht hat und sie ihn nicht anfassen sollen. Er versucht, sich loszureißen, was dazu führt, dass ihn beide Türsteher an einem Oberarm packen. “Du weißt ganz genau, warum du rausfliegst.”, antwortet Oskar schroff. Sie sind mit dem Typ auf dem Gehweg vorm Club stehen geblieben. Kalil und Felix sind gefolgt, haben im Gehen Handschuhe angezogen, halten sich aber ein paar Schritte im Hintergrund und beobachten. Der Typ versucht, mit Jojo und Oskar zu diskutieren, erfolglos. Er wechselt die Strategie und fängt an, die beiden abfällig von oben zu mustern: “Na los, schlag mich ruhig! Scheiß Machtgehabe, ihr Gorillas!” Kalil und Felix rücken näher. “Verpiss dich.” ist Jojos knappe Antwort, während er dem Typ vom Clubeinngang wegschubst. Der geht ein paar Schritte, bleibt stehen und beschimpft die Türsteher aus sicherer Entfernung als “Wichser”, die sind aber schon auf dem Rückweg. Kalil fragt, was los war und Oskar erklärt: “Der hat drinnen nem Mädel an den Arsch gefasst.” – “Alles klar.”

5 Uhr |

Die letzte Stunde ist angebrochen. Für die gilt eine andere Zeitrechnung, ganz bestimmt. Es passiert so gut wie gar nichts, es kommen nur noch vereinzelt neue Leute und die, die rechtzeitig gehen wollten, sind schon weg. Der Rest wird bis zum bitteren Ende bleiben. Den Türstehern steht die Müdigkeit ins Gesicht geschrieben, dir auch, sagt mein Spiegel später, bleiche Gesichter, dunkle Augenringe, das Gähnen nimmt zu. Bei JoJo klingelt das Handy, “Scheiße, mein Wecker.” Die Gespräche werden immer einsilbiger, schweigsames vor sich hin Starren, in kurzen Abständen werden Handys gezückt und die Uhrzeit gecheckt. Ich bin mittlerweile bis auf die Knochen durchgefroren, will einfach nur noch nach Hause ins Bett und frage mich zum zweiten Mal dieses Wochenende, wie ich auf die bekackte Idee kommen konnte, eine Doktorarbeit über Türsteher zu schreiben, so ne Doktorarbeit mit viel Theorie und ein paar Interviews, das wär’s doch gewesen, Dokumentenanalysen, richtig geil.

 6 Uhr |

Kurz vor 6 Uhr, Viktor und Felix bleiben vorn am Eingang, die anderen gehen gefolgt von mir ins Clubinnere, gleich ist Rausschmiss. Das ist die Königsdisziplin. Müde, hungrige Türsteher, die einfach nur nach Hause wollen, sollen einen Laden dicht machen, in dem sich noch eine beträchtliche Anzahl von Leuten befindet, die gerade die beste Zeit ihres Lebens haben und unter keinen Umständen nach Hause wollen.

Schritt 1: Licht anmachen. Der Anblick erinnert fies an Zombieapokalypse und wird mein eigenes Ausgeh-Verhalten für immer verändern.

Schritt 2: Der DJ hat noch 5 Minuten, um zum Schluss zu kommen. Das ignoriert er noch zwei Aufforderungen von Kalil, dann ist wirklich Schluss. DJ und Publikum applaudieren sich gegenseitig.

Schritt 3: Ein paar Minuten warten und dann die, die die Zeichen nicht lesen konnten/wollten, raus bitten. “So, Feierabend jetzt!”

Das immer gleiche Spiel “Ich muss noch kurz…” beginnt: Jemand muss noch ganz dringend die Jacke von der Tanzfläche holen, die schon zu ist. Jemand hat noch Bier und muss das noch austrinken. Jemand hat seine Garderobenmarke verloren, hätte aber gern die Jacke. Jemand muss noch Pfand abgeben. Jemand beteuert auf jede Aufforderung hin, dass er jetzt wirklich geht, geht aber nicht. Und die zwei wild Knutschenden in der Ecke haben wirklich besseres zu tun als nach Hause zu gehen. Schließlich sind alle weg, der Eingang wird abgebaut, die Tür verriegelt.

Es ist irgendwas nach halb 7, wir stehen an der Bar und die Türsteher warten darauf ihren Lohn für heute Nacht ausgezahlt zu bekommen. “Genug Schwarztee getrunken für heute”, grinst Felix und drückt mir ein Feierabendbier in die Hand. Wir stoßen an.

7 Uhr |

Wir verlassen den Club, draußen ist es mittlerweile hell, wirkt aber irgendwie unwirklich, wenn man grade aus einem anderen Universum stolpert. Wir verabschieden uns mit kurzer Umarmung voneinander und wünschen uns gegenseitig eine gute Nacht. Branko lächelt gequält, “lang wird die nicht, hab meinem Kleinen versprochen, mit ihm um 10 aufm Bolzplatz zu sein.” Ich geh nach Hause, vorbei an ein paar Übriggebliebenen der Nacht und Leuten, die mit dem Hund eine Runde um den Block drehen. Zu Hause mach ich noch ein paar Notizen, als Gedächtnisanker, die arbeit ich morgen dann aus, aber jetzt erstmal… schlafen.

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