|| die nacht ist leben. sagt sven marquardt.

Das Berghain wird 10 Jahre alt und sein medial bekanntester Türsteher veröffentlicht eine Autobiographie. Über die wurde viel geschrieben, sogar die New York Times und The Guardian fühlten sich zu einer Rezension berufen. Von Personenkult halte ich nichts und literarisch fand ich das Buch eher … gar nicht mal so gut. Aber was erfährt man über Nacht, Nachtleben und Türsteher?

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Die Nacht | Für Marquardt wird als Jugendlicher in der DDR nicht nur sein Äußeres zu einer Abgrenzungsmöglichkeit, sondern auch sein Lebensrhythmus, der sich immer wieder und immer weiter in die Nacht verlagert. In der Nacht kann man sich ausleben, Gleichgesinnte finden und morgens aus dem tadelnden Blick der Nachbarn die Gewissheit ernten, dass man nicht so ist wie die stumpfe Masse, sondern eben anders. Anders, aber nicht allein, weil immer in Begleitung von Weggefährten. Die Nacht ist bei Marquardt Entdeckungsreise, Spielplatz, Entkoppelung, Protest. Das Leben tagsüber dient vor allem dazu, sich entweder von der vorhergehenden Nacht zu erholen oder die kommende zu finanzieren.

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Nachtleben | Nachtleben, das ist Exzess, Rausch, Sex. So weit, so gut. Das Berliner Nachtleben profitiert von einer eigenartigen politischen und historischen Fügung, der Wende. Keiner weiß so richtig, was noch und was nicht mehr gilt, auch die Behörden nicht, und die Clublandschaft blüht wildwuchernd. Oftmals an Orten, an denen heute keiner mehr abgeranzte Industriebrachen und feiernde BFC-Techno-Fans vermuten würde. Bei Marquardts Schilderungen wird immer wieder deutlich, wie groß die Überschneidungen zwischen Kreativszene und Gestaltern des Nachtlebens sind, Türsteher, Barleute und Clubbetreiber sind gleichzeitig auch Fotografen, Modedesigner, Künstler. Der Club ist nicht nur Naherholung vom Alltag, sondern auch ein Raum, in dem Popkultur und Hochkultur “Gute Nacht” sagen.

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Türsteher | Marquardt wurde eigentlich durch Zufall Türsteher. Sein Bruder sprach ihn an, ob er nicht Lust hätte, bei ein paar Partys an der Tür zu stehen, aus ein paar Partys wurden viele Partys an wechselnden Türen, dann kam er zum Ostgut und blieb im Berghain. Ein Türsteher-Werdegang, wie er sich bei der Studie von Hobbs et al. und auch in meinen Daten vielfach wiederfinden lässt, wenn man die Namen der Clubs durch andere ersetzt. Auch dass Marquardt erst mit 33 anfängt an der Tür zu arbeiten und nach wie vor dort arbeitet, ist nicht weiter ungewöhnlich. Überrascht hat mich allerdings, dass sich seine Beschreibungen des Türsteher-Jobs auf die Selektion vor dem Einlass beschränken: seine Freude daran, ein gutes Publikum zusammenzustellen, die verbitterten und teilweise aggressiven oder diffamierenden Reaktionen auf ein “Sie kommen nicht rein”, die Etiquette gegenüber den potenziellen Gästen. Über andere Tätigkeiten des Jobs spricht er nicht. Vielleicht hält er sie nicht für erzählenswert, vielleicht spielen sie in seinem eigenen Job keine besondere Rolle. Vermutlich fragt im Berghain niemand die Türsteher, welche Musik heute Abend gespielt wird, ob man nicht noch was am Preis machen könnte und wo die Toilette ist. Aber Grabscher, Kollabierte und Gäste, die sich nicht (mehr) an die Clubregeln halten können, die gibt es dort doch sicher auch.

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